24. August 2025

AfD für Wehrpflicht – echt jetzt?

Rüdi­ger Lucas­sen con­tra Hans-Tho­mas Till­schnei­der. Vor­ab­druck aus der Sep­tem­ber­aus­ga­be von COM­PACT-Maga­zin. Im Sep­tem­ber will die AfD einen Antrag auf Wie­der­ein­set­zung der Wehr­pflicht in den Bun­des­tag ein­brin­gen. Doch in den öst­li­chen Lan­des­ver­bän­den gibt es dar­an schar­fe Kri­tik. Zwei Abge­ord­ne­te dis­ku­tie­ren das Pro und Contra.

Streit­ge­spräch zwi­schen Rüdi­ger Lucas­sen und Hans-Tho­mas Tillschneider

Hans-Tho­mas Till­schnei­der: Es ist rich­tig, dass die For­de­rung nach Wie­der­ein­set­zung der Wehr­pflicht im Grund­satz­pro­gramm der AfD steht. Die Wehr­pflicht ver­pflich­tet den Bür­ger, sein Land zu ver­tei­di­gen, wenn es ange­grif­fen wird. Die Wehr­pflicht sagt im Grun­de: Patrio­tis­mus ist Pflicht.

«Ein Staat ist dann sou­ve­rän, wenn er sei­ne Inter­es­sen auch nach außen ver­tei­di­gen kann.» Lucassen

Aber – und jetzt kommt das gro­ße Aber: Das, was ich eben über die Wehr­pflicht gesagt habe, gilt nur, wenn wir in einem Land leben, das fried­lich gesinnt, neu­tral und sou­ve­rän ist. Wes­halb? Wenn wir in einem aggres­si­ven Staat leben wür­den, der danach strebt, ande­re Län­der zu über­fal­len und dafür die Wehr­pflicht ein­setzt, dann wäre das eine Per­ver­si­on der Wehr­pflicht. Denn die Wehr­pflicht soll dazu da sein, das eige­ne Land zu ver­tei­di­gen, nicht ande­re Län­der zu über­fal­len. Also ers­te Bedin­gung – fried­lich. Zwei­te Bedin­gung – neu­tral. Wenn ich Teil eines Macht­ge­fü­ges bin, eines gro­ßen Blocks, dann wer­den immer wie­der Fäl­le ein­tre­ten, in denen die Armee ein­ge­setzt wer­den muss und die nichts mit Lan­des­ver­tei­di­gung zu tun haben. Es ist nicht Auf­ga­be der Wehr­pflicht, Deutsch­land am Hin­du­kusch zu ver­tei­di­gen, son­dern nur das Bun­des­ge­biet, wenn es ange­grif­fen wird. Und drit­tens: Sou­ve­rä­ni­tät. Wes­halb ist Sou­ve­rä­ni­tät eine Vor­aus­set­zung der Wehr­pflicht? Der Sol­dat ist ver­pflich­tet, unter Umstän­den sein Leben ein­zu­set­zen. Und das kann man von nie­man­dem ver­lan­gen, wenn die Armee fremd­be­stimmt ist. Das kann man nur dann erwar­ten, wenn es um mein Land geht und sonst nichts. Und die­se drei Bedin­gun­gen sehe ich zur Zeit nicht erfüllt.

Wir müs­sen also, wenn wir über die Wehr­pflicht dis­ku­tie­ren, immer auch über die NATO reden. Und die NATO – das ist der NATO-Zweck, das wis­sen ja alle – hat, wie der ers­te Gene­ral­se­kre­tär Lord Ismay 1949 gesagt hat, den Zweck, «die Rus­sen drau­ßen, die Ame­ri­ka­ner drin­nen und die Deut­schen unten zu hal­ten», was nicht im deut­schen Inter­es­se liegt. Die NATO ist aggres­siv. Sie hat sich aggres­siv nach Osten aus­ge­dehnt, was zu den Ursa­chen des Ukrai­ne-Kon­flikts gehört. Dafür soll man kei­ne deut­schen Sol­da­ten ein­set­zen. Jetzt die Wehr­pflicht zu for­dern, wird von der brei­ten Öffent­lich­keit ver­stan­den als Unter­stüt­zung des Ukrai­ne-Kriegs auf ukrai­ni­scher Sei­te. Die­ser Krieg ist nicht einen Trop­fen Blut eines deut­schen Sol­da­ten wert.

Rüdi­ger Lucas­sen: Ich bedan­ke mich zunächst sehr bei Herrn Till­schnei­der für das star­ke und über­zeu­gen­de Plä­doy­er für die Wie­der­ein­set­zung der Wehr­pflicht. Sei­nen Gedan­ken, dass das auch eine Kern­aus­sa­ge für Patrio­tis­mus ist, kann ich nur unter­strei­chen. Was den Teil der Sou­ve­rä­ni­tät anbe­trifft – den mög­li­chen Miss­brauch von Streit­kräf­ten in der jet­zi­gen Zeit –, dem ist ganz klar ent­ge­gen­zu­hal­ten: Wenn wir über Miss­brauch reden, dann ist die­ser mit einer Berufs­ar­mee durch eine fal­sche Regie­rung – und wir haben im Moment eine fal­sche Regie­rung – leich­ter mög­lich, als wenn durch die Wehr­pflicht die Streit­kräf­te in der Gesell­schaft, in unse­rem Land, im Volk ver­an­kert sind.

«Wür­den Sie zustim­men, dass die NATO ihren Cha­rak­ter ver­än­dert hat?» Elsässer

Die Wehr­pflicht, so wie wir sie wie­der ein­set­zen wol­len, auf Basis des Wehr­pflicht­ge­set­zes, beinhal­tet unter ande­rem, dass Wehr­pflich­ti­ge nicht gegen ihren Wil­len für irgend­wel­che Mis­sio­nen im Aus­land ein­ge­setzt wer­den kön­nen, son­dern zur Lan­des­ver­tei­di­gung – viel­leicht Lan­des­ver­tei­di­gung im Bünd­nis­fall, aber nicht im Bünd­nis­fall durch irgend­ei­ne Mis­si­on der NATO. Es geht um Lan­des­ver­tei­di­gung. Und ergän­zend zur Sou­ve­rä­ni­tät: Ein Staat ist dann sou­ve­rän, wenn er sei­ne Inter­es­sen auch nach außen ver­tei­di­gen kann. Und wenn wir über Ver­hand­lun­gen und Diplo­ma­tie reden, dann müs­sen wir auch dar­über reden, dass das nur aus einer Posi­ti­on der Stär­ke her­aus gesche­hen kann. Und dazu gehört bedau­er­li­cher­wei­se – so wie wir es erle­ben – auch eine mili­tä­ri­sche Stärke.

Unab­hän­gig davon sehe ich durch­aus nicht, dass die Wie­der­ein­set­zung der Wehr­pflicht dazu dien­te, Sol­da­ten in die Ukrai­ne zu schi­cken. Ers­tens geht es per Gesetz nicht, zwei­tens sehe ich auch nicht, dass die­se Regie­rung das – bei aller Schuld, die sie auf sich lädt – machen wür­de. Und das Wich­ti­ge dabei ist noch: Wir wol­len ja die­se Regie­rung ablö­sen. Wir wol­len ja, dass die AfD in die Regie­rungs­ver­ant­wor­tung min­des­tens mit­kommt und dafür sorgt, dass Sol­da­ten und vor allem auch Wehr­pflich­ti­ge dann ent­spre­chend unse­rer Ver­fas­sung ein­ge­setzt werden.

Jür­gen Elsäs­ser: Herr Lucas­sen, Sie waren ja selbst Offi­zier bei der Bun­des­wehr, auch in NATO-Funk­tio­nen. Wenn ich jetzt an die aktu­el­len Aus­sa­gen des künf­ti­gen Hee­res­in­spek­teurs {Chris­ti­an Freu­ding} den­ke, der gesagt hat, «wir» müss­ten weit­rei­chen­de Rake­ten haben, um das Herz Russ­lands zu tref­fen {sie­he Info­box} – an sol­che Aus­sa­gen kann ich mich aus frü­he­rer Zeit über­haupt nicht erin­nern. Wür­den Sie zustim­men, dass die NATO ihren Cha­rak­ter ver­än­dert hat?

Lucas­sen: Nein, da hat sich im Gegen­satz bezie­hungs­wei­se im Ver­gleich zur Zeit des Kal­ten Krie­ges nichts ver­än­dert. Die Abwehr­be­reit­schaft bis zur Wie­der­ver­ei­ni­gung, also bis 1989, war auch immer damit ver­bun­den, einem poten­zi­el­len Angrei­fer eine star­ke Reak­ti­on anzei­gen zu kön­nen. Und nichts ande­res hat Gene­ral Freu­ding jetzt auch gemacht. Das ist die rein mili­tä­ri­sche Per­spek­ti­ve. Die­se muss man von der poli­ti­schen Per­spek­ti­ve tren­nen. Die poli­ti­sche setzt die­se mili­tä­ri­schen Fähig­kei­ten ein, und der Gene­ral spricht über die mili­tä­ri­schen Fähigkeiten.

Elsäs­ser: Herr Till­schnei­der, so wie Sie mit dem Grün­dungs­spruch der NATO von Lord Ismay von 1949 argu­men­tiert haben, hät­ten Sie die Wehr­pflicht im AfD-Pro­gramm eigent­lich schon 2014 ableh­nen müssen.
Till­schnei­der: Ich war damals für die Wehr­pflicht, aber ich war gegen den Pas­sus zur NATO. Und zwar steht in unse­rem Grund­satz­pro­gramm: «Die Mit­glied­schaft in der NATO ent­spricht den außen- und sicher­heits­po­li­ti­schen Inter­es­sen Deutsch­lands, soweit sich die NATO auf ihre Auf­ga­be als Ver­tei­di­gungs­bünd­nis beschränkt. NATO-Ein­sät­ze außer­halb des Bünd­nis­be­reichs, an denen sich deut­sche Streit­kräf­te betei­li­gen, soll­ten grund­sätz­lich unter einem UN-Man­dat statt­fin­den.» Das Ent­schei­den­de ist: NATO-Mit­glied­schaft ja, soweit sich die NATO auf ihre Auf­ga­be als Ver­tei­di­gungs­bünd­nis beschränkt. Und genau das tut sie ja nicht.

Lucas­sen: Des­we­gen braucht es eben eine AfD-Regie­rung, die dafür sorgt, dass Arti­kel 5 des NATO-Ver­trags {Kriegs­fall nur bei Angriff auf einen Mit­glieds­staat} ein­ge­hal­ten wird.

Till­schnei­der: Wenn man einen Dop­pel­an­trag hät­te, Deutsch­land möge aus der NATO aus­tre­ten, und wir füh­ren die Wehr­pflicht wie­der ein, da wür­de ich sofort unterschreiben.

Lucas­sen: Was wir ja anstre­ben und was auch im Wahl­pro­gramm 2025 schon drin ist, ist die stra­te­gi­sche Auto­no­mie Euro­pas. Und die­se stra­te­gi­sche Auto­no­mie hat das Ziel, suk­zes­si­ve in Euro­pa eben das Mili­tär­bünd­nis {NATO} durch ein euro­päi­sches Mili­tär­bünd­nis zu erset­zen, um eben stär­ker die Inter­es­sen Euro­pas auch mili­tä­risch wahr­neh­men zu kön­nen. Das ist aber mit Sicher­heit ein lan­ger Pro­zess. Und so lan­ge kann kein ein­zi­ges Land in Euro­pa in irgend­ei­nem gedach­ten kon­ven­tio­nel­len Krieg – aus mei­ner Sicht gibt es kei­ne unmit­tel­ba­re Bedro­hung, um das viel­leicht auch mal klar zu sagen – allei­ne bestehen.

Till­schnei­der: Jetzt wirkt dies {Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht} so, als wür­den wir die CDU an Kriegs­trei­be­rei noch über­bie­ten wol­len. Und des­halb hal­te ich es jetzt für den wirk­lich fal­schest­mög­li­chen Zeit­punkt, die­se For­de­rung – die an sich, ab­strahiert vom Kon­text, rich­tig ist – zu bringen.

Lucas­sen: Es ist die obers­te Auf­ga­be eines Staa­tes, sei­ne Bevöl­ke­rung, sein Volk zu schüt­zen. Das wird seit 35 Jah­ren nicht mehr gemacht.

Elsäs­ser: Die sehr guten Wahl­er­geb­nis­se der AfD in den letz­ten zwei Jah­ren hän­gen unter ande­rem damit zusam­men, dass die AfD als Frie­dens­par­tei wahr­ge­nom­men wur­de. Wenn aber jetzt die AfD die Wehr­pflicht for­dert, was sich weder die Regie­rung noch die CDU/CSU traut, könn­te sie damit die­sen Frie­dens­bo­nus zerstören.

Angriff auf Russland

Chris­ti­an Freu­ding, desi­gnier­ter Her­res­in­spek­teur der Bun­des­wehr, am 11. Juli 2025 im Heu­te-Jour­nal: «Wir brau­chen Waf­fen­sys­te­me, die weit auch in die Tie­fe des rus­si­schen Rau­mes rei­chen, die angrei­fen kön­nen, Depots, Füh­rungs­ein­rich­tun­gen, Flug­plät­ze, Flug­zeu­ge.(…) Auch Deutsch­land ist bereit, sol­che Waf­fen­sys­te­me zur Ver­fü­gung zu stel­len.» Ver­rä­te­risch war, dass der Gene­ral das Wört­chen «wir» benutz­te. Aus sei­ner Sicht wird nicht die Ukrai­ne, son­dern wer­den «wir», also Deutsch­land, Russ­land in der Tie­fe des Raums angreifen.

Lucas­sen: Wis­sen Sie, ich kann über­haupt nicht nach­voll­zie­hen, dass durch die Wie­der­ein­set­zung der Wehr­pflicht ein beson­de­rer Mili­ta­ris­mus ent­steht. Ein beson­de­rer Mili­ta­ris­mus ent­stün­de für mich erst dann, wenn eine Berufs­ar­mee bis an die Zäh­ne bewaff­net wird.

Viel­leicht noch eins zur AfD als Frie­dens­par­tei: Wis­sen Sie, wir sind eine rech­te Par­tei. Und ich ver­tre­te die AfD als rech­te Par­tei. Wir ste­hen für Rechts­staat­lich­keit und damit auch für einen star­ken Staat. Sie haben zu Anfang auch, Herr Till­schnei­der, von Patrio­tis­mus gespro­chen: Nir­gends kön­nen Sie Patrio­tis­mus mehr ver­brei­ten als in Streit­kräf­ten. Sol­da­ten, die mit einer Regen­bo­gen­fah­ne rum­lau­fen, kön­nen nicht ihr Land ver­tei­di­gen, son­dern das kön­nen nur die, die Schwarz-Rot-Gold auf dem Ärmel tra­gen. Und die wür­den wir sogar noch – ein Neben­ef­fekt, wenn Sie so wol­len – durch die Wehr­pflicht potenzieren.

Till­schnei­der: In der aktu­el­len Situa­ti­on: Wenn Deutsch­land aus der NATO aus­tre­ten wür­de, wer soll uns denn angrei­fen? Also, ich sehe eigent­lich niemanden.

Lucas­sen: Kei­ne Streit­kraft, die heu­te nun mal tech­no­lo­gie­ba­siert sein muss, kön­nen Sie erst auf­bau­en in dem Moment, in dem eine Bedro­hung ent­steht, son­dern die müs­sen Sie vorhalten.

Die viert­größ­te oder viel­leicht mitt­ler­wei­le nur noch fünft­größ­te Wirt­schafts­na­ti­on der Welt {mit Kurs auf} Neu­tra­li­tät – das geht gar nicht. Wir sind als Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land so ver­knüpft und ange­wie­sen auf die­se Ver­knüp­fungs­punk­te, dass Neu­tra­li­tät nicht geht.

Hans-Tho­mas Till­schnei­der (*1978) ist seit 2016 AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ter in Sach­sen-Anhalt und seit 2021 stell­ver­tre­ten­der Lan­des­vor­sit­zen­der. Rüdi­ger Lucas­sen (*1951) ist seit 2017 Abge­ord­ne­ter und ver­tei­di­gungs­po­li­ti­scher Spre­cher der AfD-Frak­ti­on im Bun­des­tag. 1973 trat er in die Bun­des­wehr ein, wur­de zum Offi­zier im Gene­ral­stabs­dienst aus­ge­bil­det und über­nahm Füh­rungs­funk­tio­nen, auch in NATO-Arbeits­grup­pen. 2006 schied er, zuletzt Oberst, auf eige­nen Wunsch aus.

Die­ses Streit­ge­spräch wur­de am 24.8.2025 auf dem Inter­net­por­tal von COMPACT veröffentlicht.

https://www.compact-online.de/afd-fuer-wehrpflicht-echt-jetzt/